Ein bemerkenswertes Interview – und der Rückzieher einer Redaktion….

Das Bauernblatt für Schleswig-Holstein fragt Eckehard Niemann von der AbL für ein Interview an.  Beachtenswert ist aus meiner Sicht die Qualität der Fragen. Bei allen Unterschieden, die agrarpolitisch ja vorhanden sind, kann ich nicht verstehen, wie ein Redakteur solche Fragen stellen kann?

Hier die Fragen des Bauernblatts und die Antworten von Eckehard Niemann:
(warum es niemand lesen wird, wird ganz unten erklärt)

Interview für das Bauernblatt Schleswig-Holstein und Hamburg mit Eckehard Niemann, Pressesprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL)

1. Sie versprühen fast täglich per Pressemitteilung verbales Gift und lassen kein gutes Haar an der heutigen, modernen Landwirtschaft. Befriedigen Sie dadurch Ihr Ego?
Das Gegenteil Ihrer Behauptung ist richtig: Ich verteidige „fast täglich“ die bäuerliche Landwirtschaft (und damit den immer noch weitaus größten Teil der Landwirtschaft) gegen die Verdrängung durch die vom Bauernverband als „moderne Landwirtschaft“ schöngeredete Agrarindustrie. Dafür bekomme ich aus der Gesellschaft und auch von vielen Bauern erfreulicherweise sehr viel positive Rückmeldung. 

Ich gestehe Ihnen aber gern zu, dass Agrarindustrielle und entsprechend ausgerichtete Teile der Bauernverbandsspitze (und offenbar auch Sie) dies als „Gift“ für ihre Bestrebungen bewerten könnten. 

Laut Wikipedia ist mit „Ego“ eine große Selbstgewissheit gemeint: In der Tat bin ich mir sehr gewiss, dass ich mit meinen (ehrenamtlichen) Aktivitäten eine befriedigende und sinnvolle Tätigkeit ausübe.

 

2. Was ist denn für Sie, der Sie offenbar Romantiker sind, ein bäuerlicher Betrieb, wie viel Fläche hat der, wie viel Kühe, wie viel Schweine, wie viel Arbeitskräfte?

Es ist schon bezeichnend, dass eine Zeitung mit dem Namen „Bauern“blatt mittlerweile um Hilfestellung bei der Definition eines „bäuerlichen Betriebs“ nachsuchen muss. Nun denn: Ein „bäuerlicher Betrieb“ ist einer, der von Bauern betrieben wird – also von selbstständig wirtschaftenden, also von Konzernen unabhängigen Unternehmern, vorwiegend mit Familienarbeitsverfassung und deshalb mit nachhaltigem Denken in Generationen und in Betriebskreisläufen.     

 

3. Jetzt mal Butter bei die Fische: Ab welcher Bestandesgröße beginnt bei Ihnen die Intensivtierhaltung?

Die geforderte „Butter bei die Fische“ hätten Sie in vielen meiner Texte leicht nachlesen können: Oberhalb bestimmter Tierzahl-Grenzen ist eine gesellschaftlich akzeptierte und artgerechte Tierhaltung mit Weidegang und Auslauf (oder zumindest der Rückbau darauf) nicht mehr möglich, das Bundes-Immissionsschutz-Gesetz und das neue Bundesbaugesetzbuch sehen außerdem oberhalb folgender Tierzahlen ein hohes Risiko der Beeinträchtigung von Umwelt und Anwohnern: 1.500 Schweinemast-, 560 Sauen-, 30.000 Masthühner-, 15.000 Legehennen-, 15.000 Putenmast- und 600 Rinderplätze.

Der Begriff der „Intensivtierhaltung“ sagt relativ wenig aus, denn eine intensive Tierbetreuung ist natürlich gut, eine intensive Ausrichtung auf hohe Tierleistungen mit Schäden an deren Gesundheit ist ebenso natürlich schlecht. Wir bevorzugen den Begriff „Agrarfabriken“, bei denen nicht die Ställe den Tieren angepasst werden, sondern die Tiere den Ställen – z.B. durch das auch von der EU  bereits längst verbotene Kupieren (Kürzen) der Schwänze oder der Schnabelspitzen.

Bei der Diskussion um die EU-Agrarreform unterstützt die AbL übrigens die Forderung nach einer Kappung der Flächenprämien für Großbetriebe oberhalb von 150.000 Euro pro Jahr (das entspräche etwa 500 Hektar). Der Bauernverband setzt sich dagegen für eine Förderung auch von agrarindustriellen Großbetrieben ein – zu Lasten der großen Mehrheit der Landwirtschaftsbetriebe. 

 

4. Die Haltungsbedingungen in der Tierproduktion haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert, nehmen Sie nur die frühere Anbindehaltung von Kälbern und Kühen, die heute in eingestreuten Boxen oder in Laufställen stehen. Können Sie das partout nicht anerkennen?

Der Boxenlaufstall (möglichst nur so groß, dass Weidegang möglich bleibt) ist in der Tat ein Fortschritt gegenüber der Anbindehaltung. Das habe auch ich natürlich nie in Frage gestellt. Ich finde es aber unfair gegenüber den Milchbauern, dass deren Ställe von  Agrarindustrie und Bauernverband permanent nur als Alibi und Feigenblatt vorgezeigt werden, um nicht die Agrarfabriken mit Stresshaltung bei Geflügel und Schweinen vorzeigen zu müssen.  

 

5. Die Höfe wachsen nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil wirtschaftliche Gründe dahinter stehen. Es müssen die Wettbewerbsfähigkeit erhalten und drei Generationen ernährt werden. Warum wollen Sie trotzdem Investitionen in mehr Wirtschaftskraft im ländlichen Raum verhindern?

Es ist schon zynisch, dass Sie die Vernichtung und Verdrängung vieler bäuerlicher Betriebe durch Agrarindustrielle und den damit verbundenen Verlust an sinnvollen Arbeitsplätzen als Vorteil für die Wirtschaftskraft im ländlichen Raum schönzureden versuchen. Natürlich gibt es einen Strukturwandel – übrigens auch in Form der Erschließung neuer Märkte durch die Bauernhöfe im Bio-, Direktvermarktungs- oder Dienstleistungsbereich. 

Der betriebswirtschaftlichen Druck zum Wachsen ist in dieser Schärfe nicht naturgegeben, sondern von Agrarindustrie und Politik durch den Druck auf die Erzeugerpreise massiv forciert. Der Bauernverband will diesen Prozess nur durch so genannte „Leitplanken“ absichern und hat den Einsatz für bessere Erzeugerpreise längst aufgegeben. Das ist etwa so, als wenn die Gewerkschaften auf Lohnforderungen verzichten würden und lediglich durch „Leitplanken“ absichern würden, dass man seinen Lohn durch zusätzliche Überstunden sichert oder nach Feierabend noch eine zusätzliche Arbeit aufnimmt. 

Diese Sabotage an den bäuerlichen Erzeugerpreisen kann man eigentlich nur erklären mit den gut bezahlten Posten von Bauernverbands-Funktionären in Molkereien, Schlachtereien oder Landhandels-Mischfutter-Konzernen, die tatsächlich ein Interesse an niedrigen Preisen für landwirtschaftliche Produkte haben. Die Milchbauern und der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter arbeiten trotz massiver Behinderung durch den Bauernverband daran, über starke Erzeugergemeinschaften als Marktpartner auf Augenhöhe aufzutreten und über Instrumente der Mengenregulierung den ruinösen Druck auf die Erzeugerpreise abzubauen. Auch die Rübenbauern hätten die mengenbeschränkende und damit erzeugerpreisstützende Quotenregelung mit einer wirklichen Unterstützung des Bauernverbands vermutlich behalten können. 

Wir brauchen statt Mengenwachstum endlich ein Preiswachstum – für auskömmliche Gewinne und Einkommen!            

 

6. Wie ist denn Ihre Vision von der deutschen Landwirtschaft der Zukunft?

Es ist die gleiche Vision wie die der allermeisten Bauern: Erhalt einer Vielzahl und Vielfalt von gut strukturierten mittelständischen Bauernhöfen in lebendigen Dörfern und ländlichen Regionen – mit nachhaltiger Bodenbewirtschaftung, flächengebundener und artgerechter Tierhaltung und deshalb auch mit gesellschaftlicher Akzeptanz. Produktion von Klasse statt Masse zu auskömmlichen Erzeugerpreisen, die durch EU-weite Mengenregulierungs-Instrumente und durch einen Außenschutz gegen ökosoziale Dumping-Importe abgesichert sind.   

 

7. Meinen Sie nicht, dass die deutsche Landwirtschaft unter den von Ihnen genannten Bedingungen im internationalen Wettbewerb verliert, es in der Folge zu Strukturbrüchen kommt und immer mehr Betriebe das Handtuch werfen? Wollen Sie das? 

Zu Strukturbrüchen kommt es doch gerade unter den jetzigen Bedingungen, in denen immer mehr Betriebe das Handtuch werfen müssen. Die ruinösen Erzeugerpreise beruhen doch gerade auf dem irrwitzigen Bestreben, die zu hohen deutschen Kosten produzierten Überschüsse zu den Billigpreisen der brasilianischen oder US-amerikanischen Konkurrenz an Russland oder China zu verscherbeln. Ganz abgesehen von den Wirkungen dieser Exporte auf Berufskollegen in anderen Ländern.  

 

8. Angenommen, Ihr Bild von der Landwirtschaft der Zukunft würde Realität, ginge das mit einer deutlichen Verteuerung der Produktion einher. Wer bezahlt das den Bauern?

Vorab: Derzeit und schon seit vielen Jahren bezahlt man den allermeisten Tierhaltern deutlich weniger als deren Kosten – wegen der Macht von Agrar- und Ernährungsindustrie und der von ihnen  angeheizten Überschüsse. Wir brauchen endlich eine klare Strategie für den Erhalt bäuerlicher Betriebe!  

Es ist absehbar und richtig, dass bestimmte Formen der Tierhaltung – wie zuvor schon die Käfighaltung der Legehennen – unterbunden werden. Sie brauchen dazu nur die Vorgaben der EU oder die des noch von CDU und FDP beschlossenen Niedersächsischen Tierschutzplans anzusehen. Wenn man z.B. den Schweinen die Ringelschwänze nicht mehr abschneiden und den Legehennen und Puten die Schnäbel nicht mehr „stutzen“ darf, um ihre Haltung in enger Stresshaltung noch irgendwie ohne Schwanzbeißen oder Kannibalismus zu ermöglichen – dann wird man den Tieren mehr Platz, Auslauf und Stroh geben müssen. Auch das Verbot von systematischen Antibiotikagaben und das Verbot der Agrarfabriken verringern die erzeugerpreis-drückenden Überschüsse und schaffen Spielraum für faire Erzeugerpreise.  

Eine solche Haltung (mit Futterflächenbindung) kann in mittelständisch-bäuerlichen Strukturen viel besser umgesetzt werden als in agrarindustriellen Dimensionen – dazu brauchen wir EU-weit ein massives Umbau-Förderungsprogramm anstelle von Milliardensubventionen an Großverdiener. 

Fleisch wird dann generell und flächendeckend deutlich teurer sein, weil es das agrarindustriell erzeugte Billigfleisch nicht mehr gibt. Die Menschen, die als individualisierte Verbraucher beim Kauf von Billigprodukten bisher immer noch schwach werden, die aber als befragte Bürger ihre Bereitschaft zu höheren Preisen für faire Produkte aus artgerechter Haltung bezeugen, werden dagegen nicht rebellieren. Anpassungen bei Löhnen und Hartz-4 müssen und werden parallel durchgesetzt werden.                

 

9. Wenn man Ihre Verlautbarungen über Monate verfolgt hat, findet man immer die gleichen Argumente mit denen Sie auf die konventionelle Landwirtschaft eindreschen. Glauben Sie ernsthaft, dass das noch verfängt, wird es nicht allmählich sogar lächerlich?

Glauben Sie ernsthaft daran oder finden Sie es nicht allmählich sogar auch lächerlich, dass Sie immer noch behaupten, ich würde „auf die konventionelle Landwirtschaft eindreschen“?  Die AbL verteidigt bäuerliche Landwirtschaft in konventioneller und ökologischer Wirtschaftsweise gegen Agrarindustrie und auch Pseudo-„Bio“-Agrarindustrie. Es wäre schön, wenn Sie auf meine Argumente endlich mit sachlichen und ernst zu nehmenden Gegenargumenten antworten würden statt mit Polemik und hergesuchten Behauptungen…  

 

10. Hand aufs Herz: Wie viele Mitglieder hat die Abl in Deutschland wirklich – und wer finanziert Sie und ihre Kampagnen?

Wir haben in der AbL sehr viel weniger Mitglieder als der Bauernverband – in dem zahlreiche unzufriedene Bauern ja nur noch bleiben, weil sich der Verband und seine direkten oder indirekten Vertreter viele Befugnisse angeeignet haben – so bei Antragstellung zu den landwirtschaftlichen Sozialkassen oder bei Pacht- und Grundstücksverkehr.

Unsere „Kampagnen“ finanzieren wir aus Mitgliedsbeiträgen, weil wir nicht agrarindustrieabhängig werden wollen wie der Bauernverband, der ein Großteil der PR ja der so genannten „Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft“ (FNL) überlässt, die wesentlich von Konzernen und Verbänden der Agrarchemie, Gentechnik, Fleisch- und Futtermittel-Industrie getragen, gesteuert und finanziert wird.  

Deshalb hat die AbL auch einen festen Platz in vielen gesellschaftlichen Bündnissen – deshalb stehen Agrarindustrie und Bauernverbandsspitzen trotz ihrer PR-Gelder immer stärker im gesellschaftlichen Abseits.

 

Aufgrund der schon sehr merkwürdigen Fragen des Bauernblattes wollte Eckehard Niemann sicher gestellt wissen, dass seine Antworten auch so wie gegeben veröffentlicht werden. Dazu entwickelte sich ein kurzer Mailaustausch:

Zunächst die Einladung:

Sehr geehrter Herr Niemann,
wir bitten Sie um ein Interview für das Bauernblatt für Schleswig-Holstein und Hamburg. Die Fragen haben wir beigefügt.
Es wäre toll, wenn Sie uns Ihre Antworten auf schriftlichem Wege per Mail bis kommenden Donnerstag, 22. August, schicken könnten.
Außerdem bitten wir um ein Foto von sich und um eine kurze Vita.
Bitte geben Sie kurz Bescheid, ob wir das Interview einplanen dürfen.

Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung!
Mit freundlichen Grüßen,
[Herr…]
 

Dann die Antwort von E. Niemann (inkl. der obigen Antworten auf die 10 Fragen): 

Hallo Herr […],
angesichts der in Ihren Fragen jeweils enthaltenen, zum Teil grobfalschen Unterstellungen und im Interesse des Abdrucks aussagekräftiger und nicht verfälschbarer Antworten möchte ich vorab gern wissen, wie viele Zeichen meine Antworten maximal enthalten können. Ich brauche angesichts der Richtigstellung obiger Behauptungen natürlich einen angemessenen Platz dafür. Außerdem hätte ich gern eine definitive Zusage, dass meine so verfassten Antworten und mein Text zu meiner Vita nicht gekürzt oder verändert werden.
Bitte geben Sie mir rasch kurz Bescheid, ob Sie mir das alles vorab verbindlich schriftlich per Post zusagen werden. Sie werden angesichts der Polemik in Ihren Fragen sicher verstehen, dass ich von Ihnen in diesem Zusammenhang auch eine Zusage verlange, dass Sie bei Zuwiderhandeln eine Zahlung in Höhe von 50.000 Euro an mich akzeptieren und zusichern.
Mit freundlichen Grüßen,
Eckehard Niemann
  

Lieber Herr […],
ergänzend zur eben versandten Mail bitte ich Sie um Prüfung, ob Sie mir im Interesse des Austauschs von sachlichen Argumenten nicht deutlich mehr Zeichen für meine Antwort zugestehen könne.
Mit freundlichen Grüßen
Eckehard Niemann
  

 

Darauf die Antwort des Bauernblatts: 

Sehr geehrter Herr Niemann,

danke für die schnelle Antwort. Von dem Interview möchten wir absehen. Bitte haben Sie dafür Verständnis.

Mit freundlichen Grüßen
[Herr …]

 

Und so kommt es zu einem Interview, das niemand lesen wird….

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